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Onboarding neuer Webdesign-Kunden: Prozess, Fragen, Vorlagen

Von findflix · 28. August 2026 · 6 Min. Lesezeit
Onboarding neuer Webdesign-Kunden: Prozess, Fragen, Vorlagen

Der schönste Tag im Agenturleben ist der Tag der Unterschrift. Danach wird es ernst: Das Logo existiert nur als WhatsApp-Foto, die Texte „macht unsere Auszubildende schon seit Ostern“, der Domain-Zugang liegt bei einem Bekannten, der nicht mehr antwortet, und in Woche drei wünscht sich der Kunde „nur noch schnell“ einen Shop dazu. Nichts davon ist böser Wille. Es ist das, was passiert, wenn niemand den Anfang strukturiert. Genau dafür gibt es Onboarding: den Prozess zwischen Vertragsschluss und erster Designrunde. Um das Verkaufsgespräch davor geht es hier ausdrücklich nicht, sondern um alles ab der Unterschrift.

Das Wichtigste in Kürze

  • Onboarding beginnt mit der Unterschrift und endet mit der ersten Designrunde: In diesem Fenster entscheidet sich, wie das Projekt läuft.
  • Reagiere innerhalb von 48 Stunden mit Welcome-Mail, Fragebogen und einem festen Ansprechpartner pro Seite.
  • Sammle Zugänge und Rechte früh ein: Domain, Hosting, Bildlizenzen, Google Business Profil.
  • Fixiere den Scope schriftlich und bepreise Änderungen von Anfang an: Laut PMI erleben 52 Prozent der Projekte Scope Creep.

Nach der Unterschrift beginnt das eigentliche Projekt

Projekte scheitern selten am Design und oft am Anfang. Die weltweite PMI-Befragung „Pulse of the Profession“ bezifferte schon 2018, wie normal das Ausufern ist: 52 Prozent der Projekte erlebten Scope Creep, also eine unkontrollierte Ausweitung des Umfangs, und 48 Prozent wurden nicht termingerecht geliefert. Das sind Zahlen aus dem allgemeinen Projektmanagement, nicht webspezifisch, aber jede Agentur erkennt ihren Alltag sofort wieder.

Scope Creep (unkontrollierte Ausweitung)52%48%Nicht termingerecht geliefert48%52%
betroffen
nicht betroffen
So verbreitet sind Scope Creep und Terminverzug in Projekten · Quelle: PMI, Pulse of the Profession 2018 (weltweite Projektmanagement-Befragung)

Onboarding ist das Gegenmittel, und es besteht aus drei Zutaten: Erwartungen klären (was passiert wann, wer entscheidet), Material beschaffen (Inhalte, Zugänge, Rechte) und Grenzen dokumentieren (was ist drin, was kostet extra). Wer diese drei Dinge in den ersten zwei Wochen erledigt, hat den größten Teil der späteren Konflikte bereits wegverhandelt, ohne je zu streiten.

Der Prozess: sieben Schritte in zwei Wochen

Die Reihenfolge ist bewusst gewählt: erst Struktur und Zuständigkeiten, dann Material, dann Termine. Zwei Wochen klingen sportlich, funktionieren aber, weil mehrere Schritte parallel laufen dürfen und keiner davon Perfektion verlangt.

  1. Welcome-Mail innerhalb von 48 Stunden. Dank, die nächsten drei Schritte mit Terminen, dein fester Ansprechpartner und die Bitte um einen festen Ansprechpartner auf Kundenseite. Diese Mail beantwortet die Frage „Was passiert jetzt?“, bevor sie gestellt wird.
  2. Onboarding-Fragebogen verschicken. 12 bis 15 Fragen, mehr füllt niemand aus. Er kommt vor dem Kickoff, damit der Termin auf Antworten aufbaut statt sie einzusammeln.
  3. Zugänge und Rechte anfordern. Domain, Hosting, E-Mail-Postfächer, Bildlizenzen, Logo-Originaldateien, Google Business Profil. Diese Liste gehört in Woche eins, denn fehlende Zugänge sind der häufigste Zeitfresser im ganzen Projekt.
  4. Kickoff mit allen Entscheidern. 60 bis 90 Minuten, gern per Video. Ziele schärfen, offene Fragebogen-Punkte klären, Entscheidungswege festlegen: Wer gibt Designs frei, und bis wann gilt Schweigen als Zustimmung?
  5. Content-Fahrplan festzurren. Wer liefert welche Texte, Bilder und Dokumente bis wann? Jede Lieferung bekommt ein Datum und eine Platzhalter-Regel für den Fall der Verspätung.
  6. Scope schriftlich bestätigen. Seitenumfang, Anzahl der Korrekturrunden, enthaltene Leistungen, ausgeschlossene Leistungen und der Prozess für Änderungswünsche, inklusive Preis. Eine Seite genügt, aber sie muss existieren.
  7. Projekt-Rhythmus starten. Ein Kommunikationskanal, ein wöchentliches Kurz-Update, ein gemeinsamer Ablageordner. Ab jetzt läuft das Projekt in Bahnen, die du gelegt hast.

Der Fragebogen: wenige Fragen, die richtigen

Ein guter Fragebogen fragt nicht nach Lieblingsfarben, sondern nach Entscheidungsgrundlagen. Diese Kategorien haben sich bewährt:

Kategorie Beispielfrage Wozu
Ziel Woran lässt sich in einem Jahr festmachen, dass sich die Website gelohnt hat? Definiert Erfolg messbar und entlarvt vage Erwartungen
Zielgruppe Wer ruft heute an, und wer soll künftig anrufen? Lenkt Design und Texte auf echte Kunden statt auf den Geschmack des Chefs
Wettbewerb Welche drei Mitbewerber gewinnen gerade die Aufträge, die eigentlich zum Betrieb passen? Liefert Positionierung und Argumente für Struktur-Entscheidungen
Geschmack Drei Websites, die gefallen, mit je einem Satz Begründung Macht Ästhetik besprechbar, bevor die erste Designrunde emotional wird
Material Welche Texte, Bilder und Logos existieren, und wer darf sie freigeben? Zeigt Lücken früh und klärt Zuständigkeiten
Technik Wo liegen Domain und Postfächer, und wer hat die Zugangsdaten? Verhindert die klassische Wochen-Blockade kurz vor dem Livegang

Zugänge, Rechte, Pflichten: die unterschätzte Checkliste

Der unglamouröse Teil des Onboardings entscheidet über den Livegang-Termin. Kläre früh: Wo ist die Domain registriert und wer kann den Auth-Code besorgen? Läuft das Hosting weiter oder ziehst du um, und welche Kündigungsfrist hat der alte Vertrag? Für welche Fotos existieren echte Lizenzen, und wer hat die Einwilligung der abgebildeten Mitarbeiter? Gibt es das Logo als Vektordatei? Und wer verwaltet das Google Business Profil, dessen Daten zur neuen Website passen müssen? Sammle die Antworten in einer gemeinsamen Übersicht, die beide Seiten einsehen können: Was fehlt, blockiert dann sichtbar, und sichtbare Blockaden lösen sich erfahrungsgemäß schneller als stille.

Keine Rechtsberatung, aber zwei Punkte gehören in jedes Onboarding: Wenn du für den Kunden personenbezogene Daten verarbeitest, etwa über Hosting, Formulare oder Statistik-Tools, ist dafür in der Regel ein Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO abzuschließen. Und die Inhalte von Impressum und Datenschutzerklärung verantwortet der Kunde; du baust sie ein, die rechtliche Prüfung liegt bei ihm oder seiner Rechtsberatung. Halte beides schriftlich fest.

Scope-Schutz: freundlich Grenzen ziehen

Scope Creep beginnt harmlos: „Können wir noch schnell…“ Die Antwort entscheidet über deine Marge und deine Wochenenden. Deshalb steht im Onboarding-Dokument nicht nur, was enthalten ist, sondern auch der Weg für alles andere: Jeder Änderungswunsch ist willkommen, wird kurz geschätzt und kostet seinen Preis oder ersetzt eine gleichwertige Leistung. Was eine zusätzliche Korrekturrunde kosten muss, sagt dir dein Stundensatz; wie du solche Nachträge souverän ansprichst, zeigt der Leitfaden Preise verhandeln im Webdesign. Kunden empfinden diese Klarheit übrigens selten als kleinlich, sondern als professionell, solange sie am ersten Tag kommt und nicht erst beim ersten Konflikt. Ein angenehmer Nebeneffekt: Wer Änderungen bepreist, bekommt durchdachtere Änderungswünsche, weil vor jedem Extrawunsch kurz priorisiert wird.

Scope Creep entsteht nicht, weil Kunden dreist sind, sondern weil niemand aufgeschrieben hat, was drin ist und was nicht.

Vorlagen: einmal bauen, immer nutzen

Onboarding lohnt sich vor allem, weil es wiederverwendbar ist. Fünf Dokumente reichen für den Anfang: die Welcome-Mail als Textbaustein, der Fragebogen als Formular oder PDF, die Zugangs-Checkliste als Tabelle, eine Kickoff-Agenda mit festen Blöcken und ein Wochen-Update von drei Sätzen (erledigt, als Nächstes, blockiert durch). Nach jedem Projekt wandert eine Erkenntnis zurück in die Vorlagen: eine Frage, die gefehlt hat, ein Zugang, der überraschte, eine Formulierung, die Diskussionen erspart hätte.

Die härteste Onboarding-Währung sind Deadlines für den Kunden. Vereinbare für jedes Material ein Datum plus Platzhalter-Regel: Liegt der Text bis dahin nicht vor, geht die Seite mit professionellem Platzhalter in die nächste Runde, nachgeliefert wird im Wartungsfenster. So bleibt das Projekt in Bewegung, ohne dass jemand der Buhmann ist.

Ein sauberes Onboarding macht aus einem gewonnenen Auftrag ein gutes Projekt, und aus einem guten Projekt die nächste Empfehlung. Es kostet dich einmal einen Nachmittag für die Vorlagen und spart danach in jedem einzelnen Projekt Tage. Der beste Zeitpunkt, es zu bauen, ist direkt nach der nächsten Unterschrift.

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Häufige Fragen

Was gehört in die Welcome-Mail nach Vertragsschluss?

Dank, die nächsten drei Schritte mit Terminen, dein fester Ansprechpartner, der Link zum Fragebogen und die Liste der benötigten Zugänge. Eine gute Welcome-Mail beantwortet die Frage „Was passiert jetzt?“, bevor der Kunde sie stellen muss, und bittet um einen festen Ansprechpartner auf Kundenseite.

Wie lange sollte das Onboarding dauern?

Als Faustwert: ein bis zwei Wochen von der Unterschrift bis zum Kickoff, parallel läuft die Material- und Zugangssammlung. Länger wird es fast immer dann, wenn Zugänge fehlen. Genau deshalb fragst du Domain, Hosting und Logo-Dateien am ersten Tag ab, nicht erst beim Baustart.

Was mache ich, wenn der Kunde kein Material liefert?

Deadlines plus Platzhalter-Regel: Jedes Material bekommt ein Datum, danach arbeitest du mit professionellen Platzhaltern weiter und das Material wird später nachgepflegt. So bleibt das Projekt im Zeitplan und der Druck liegt beim richtigen Beteiligten. Texterstellung kannst du zusätzlich als bezahlte Leistung anbieten.

Brauche ich für das Onboarding eine Projektmanagement-Software?

Nein. Für die ersten Projekte reichen eine saubere Checkliste, ein gemeinsamer Ablageordner und ein fester Kommunikationskanal. Werkzeuge beschleunigen einen Prozess, sie ersetzen ihn nicht: Erst wenn dein Ablauf steht und sich wiederholt, lohnt sich die Automatisierung.